Edward Maclean’s Adoqué\u2028\u2028 Der deutsche Jazz ist im Kreuzfeuer - man wirft ihm mitunter Ideenlosigkeit und Stagnation vor. Andere klagen nicht, suchen vielmehr konstruktive, spannende Auswege. Der Berliner Bassist und Komponist Edward Maclean kann als Paradebeispiel gelten: Mit ruhigen und doch querstehenden Kompositionen, sphärischen Stimmungen, die zugleich voll pulsiernder Grooves sind, weicht er Stereotypen der Quintettbesetzung mit gelassener Eleganz und mutigem Einfallsreichtum auf. \u2028\u2028 Ein Drittgeborener (in Ghana: „Adoquaie“), so sagt man, hat es etwas leichter als seine älteren Geschwister. Er kann sich Zeit nehmen, erst mal in Ruhe gucken, was die Anderen machen, beobachten und lernen. Edward Maclean identifiziert sich mit dieser Rolle, und er hat sie kreativ ausgefüllt. Der Mann mit ghanaischen Wurzeln wuchs im Rheinland auf, testete kurz den Weg in die Medizin aus, kam dann auf seinen Wanderjahren in die vibrierende Jazz-Szene an der Spree. Dort studierte er an der renommierten Hanns-Eisler-Musikhochschule bei Ed Schuller, während er Vorbildern wie Ron Carter, Christian McBride, Charles Mingus und Jaco Pastorius lauschte, aber auch Vokalgrößen wie Stevie Wonder. Die Verbindung von Stimme, Wort und Instrumentalem fasziniert ihn, und so gehört auch eine Me'shell Ndegeocello zu seinen prägenden Einflüssen. Seine Aktionskreise in der Hauptstadt erweiterten sich stetig, als Bassist für Peter Fox, Nils Wülker und Jessica Gall, als Arrangeur und Komponist, vom Jazz über den FreeFunk und HipHop bis hin zum Pop. Nach etlichen Jahren des Zuhörens und Mitwirkens ist die Zeit nun reif für seine eigene Reise. Er tritt sie zwar mit einer Besetzung an, die im Jazz zu den konventionellen gehört, doch sein Quintett, für das er sich Topleute aus Berlin angelte, agiert mit einer unerwarteten Sound-Ästhetik. „Ich mag Stimmungen und repetitive Strukturen“, erläutert Maclean. „Der Bass bleibt dabei immer das Fundament, viele Stücke entwickle ich von einem Ostinato aus und schaue, wo das dann hinführt. Hin und wieder spiele ich zwar auch Melodien, denn ich stehe auf Gesangliches, aber es ist keine Solobass-Platte geworden, auf der ich immer im Vordergrund stehen muss.“ Im Gegenteil: Macleans Fünferbesetzung agiert in einem kompakten Miteinander, in geradezu selbstverständlicher Synergie. Kelvin Sholar malt, ausgestattet mit einem Rüstzeug vom Jazz bis in die Klassik, grandiose Soundscapes auf Piano, Rhodes und Synthesizern, während Christian Kögels Saitenarbeit auf der Elektrischen von rauen Zerrbildern bis zu empfindsamer, psychedelischer Unschärfe reicht. Von zarter Lyrik bis zu ausdrucksstarken Shouts steckt Florian Trübsbach die Ausdruckspalette auf seinem Sax ab, und Drummer Tobias Backhaus erweist sich mit feingliedrigen Patterns, aber auch harschen Ausbrüchen als kongenialer Rhythmuspartner des Leaders. Der selbst verblüfft durch ein Spektrum, das bei noch eher klassischen Improvisationen anfängt, quicklebendige Unterbauten voll poppigen Appeals erfindet und schließlich auch in fulminante Elektro-Experimente ausufern kann. Die „Stimmungen“ von denen Maclean spricht, erweitern die Horizonte, anstatt Limits zu setzen. Wenn er ein Stück „From Bamako To Abidjan“ nennt, dann geschieht das nie eindeutig und direkt afrikanisch. Die Anklänge und Verweise werden vielmehr in die Genetik einer Komposition eingewoben, unmerklich, atmosphärisch. Ist das denn wirklich noch Jazz? „Ich habe bisher keine andere Bezeichnung gefunden“, sagt Maclean und fügt verschmitzt hinzu: „Wir nennen es halt noch so, damit wir auf der Bühne improvisieren dürfen und niemanden vor den Kopf stoßen. Natürlich ist es auch eine 'Fusion', doch dieser Begriff ist ja schon besetzt. Man könnte es „Spheric Jazz“ nennen, aber gleichzeitig ist es ja überhaupt keine loungige Musik zum Nebenbei hören. Nein, denn meine Musik soll anregen und berühren, durch eine meditative Schwingung die Leute irgendwohin versetzen, wo sie sonst nicht hinkommen.“ \u2028\u2028Und diese Orte gibt es auf Edward Maclean’s Adoqué in Hülle und Fülle: „Blue Hole“ eröffnet das Werk mit einem umhergreifenden Ostinato in Oktavsprüngen, darüber entfalten sich Sax- und Gitarrenlinien, gläsern schwingt das Fender Rhodes, ein Vor- und Abtasten musikalischer Möglichkeiten. Als synkopisches Fest offenbart sich dann bereits „From Bamako To Abidjan“ in voller Fahrt. Für „Still“ hat Maclean eine alte Bekannte ins Boot geholt: Die Deutsch-Nigerianerin Olumide Popoola setzt mit ihren Spoken Word-Passagen eindringliche Akzente in diesem majestätisch-kühlen und doch vorwärtstreibenden Track. „Elbstrand“ schlendert zunächst sehr lässig daher, wandelt sich dann in zupackende, muskulöse Sattheit mit expressivem Sax und peitschenden Drums. „Dancelove“ hingegen hat ein erotisch-geheimnisvolles Gewand mit hauchend-süßlichem Sax und cool angerockter Pose der E-Gitarre, die die kauzig-verschrobenen E-Bass-Linien erwidert. Zu filigranen Rhodes-Gebilden zeichnet „Mr. Hal“ einen Charakter aus Alice Walkers Roman „The Temple Of My Familiar“ nach, während „Bell“ nach bluesigen Mouth Harp-Exkursionen mit geradezu triumphalen Synthie-Sounds voller Wärme das Regelwerk der Jazzpolizei lustvoll ignoriert.\u2028 Edward Maclean’s Adoqué kommt zudem als Gesamtkunstwerk: Für die aufwändige Bookletgestaltung hat Maclean den einzelnen Stücken Collagen seines Bruders George gegenüber gestellt, die der ohnehin sphärisch angehauchten Musik eine weitere Tiefendimension verleihen. \u2028 Edward Maclean hat sich fantasievoll aus seiner bislang begleitenden Rolle befreit. Der ehemalige Sideman fesselt mit diesem Debüt voll mutiger Innerlichkeit und stilistischen Wagnissen als souveräner Protagonist. Mit dieser außergewöhnlichen Klangsprache dürfte er in der deutschen Jazzlandschaft bald zum festen Referenzpunkt avancieren.\u2028\u2028 \u2028